Eine Holzbaukita unter Bäumen
Über die Rettung einer alten Baumgruppe und eines Holzneubaus, der sich ganz natürlich in den Wittenberger Stadtpark einfügt und aufzeigt, wie gut sich Architektur mit Natur verbinden kann.
Die Kita „Märchenland“ in Wittenberge besteht seit den 1950er Jahren – doch das alte Gebäude erfüllte längst nicht mehr die Anforderungen an zeitgemäße Pädagogik. Eine Machbarkeitsstudie kam zu einem klaren Ergebnis: Nur ein Neubau macht die Kita zukunftsfähig.
Das großzügige, naturbelassene Waldgrundstück liegt neben dem Bestandsbau mitten im Stadtpark – und in seinem Herzen thront eine prächtige Gruppe alter Eichen. Für uns stand fest: Diesen Lebensraum rühren wir nicht an. So entwickelten wir vier Gebäudeflügel, die sich windmühlenartig um die Eichengruppe legen und einen geschützten Innenhof bilden. Ein umlaufender Flur verbindet alle Flügel wie ein Ring – nach innen zum Hof, nach außen zum Garten.
„Einfach in der Setzung und stark in der Geste, so präsentiert sich die eingeschossige, hofartige Kita für 136 Kinder, die einen imposanten Eichenhain einrahmt. Die Architekten eignen sich die Baumgruppe geradezu an und machen sie zum Ausgangspunkt ihres Entwerfens.“
Jury, BDA-Preis Brandenburg 2024
Der Innenhof mit der Eichengruppe ist das Herzstück der Anlage: windgeschützt, nicht einsehbar und unter dem Vordach auch wettergeschützt. Er bietet Raum für einen Nutz- oder Lehrgarten, für Feste, Aufführungen, gemeinsame Mahlzeiten und spontanes Spiel – ein Ort, der mit dem pädagogischen Konzept wachsen kann. Das eingeschossige Gebäude ist als Holzbau auf einer Stahlbetonbodenplatte errichtet – ökologisch gedämmt mit Zellulose, konstruiert in Holzrahmenbauweise.
„Mit einfachen und ruhigen Mitteln wird die Verbindung von Mensch und Natur, Landschaft und Gebäude, Innen- und Außenraum angemessen inszeniert. Die vierflügige Anlage steht stellvertretend für die Wechselwirkung von Stadt und Naturraum und geht eine intensive Beziehung zum benachbarten Stadtpark ein.“
Jury, BDA-Preis Brandenburg 2024
Das gestalterische Leitmotiv der Fassade ist die Nuss: Dunkle, gehobelte Holzlamellen als Schale treffen auf einen hellen, glatten Holzwerkstoff als Kern – ein einfaches, starkes Bild, das die Naturthematik stärkt.
Innen herrscht eine helle, freundliche Materialästhetik: Dreischichtplatten aus Fichte, furnierte Holzwerkstoffplatten und holzsichtige Brettstapeldecken in den Fluren schaffen Wärme. Die Gruppenräume erhalten Holzlamellen-Akustikdecken mit bündig integrierten Leuchten – schlicht und kindgerecht. Die Böden sind mit Linoleum belegt.
Das Farbkonzept bleibt thematisch dem Baum treu und folgt dem Wandel eines Kirschbaums mit den Jahreszeiten: Jeder Gruppenbereich steht für eine Phase – und trägt ihre Farbe. Die Krippengruppe etwa steht für den Frühling, für erwachende Blüten und Leben, und kleidet sich an Wänden, in Garderoben und Bädern in zartes Rosa. Die Möbel bleiben schlicht in Weiß – damit die Farbe der Jahreszeit die Hauptrolle spielen kann.
Freiraum und Gebäude bilden eine gestalterische Einheit – verbunden durch das Material Holz, das sich von der Fassade in den Außenraum fortsetzt. Rund um das Gebäude entsteht ein naturbelassener Freiraum mit Waldcharakter: kein Spielplatz von der Stange, sondern ein Ort für echte Naturerfahrung. Versickerung, Verdunstung, CO₂-Speicherung – Klimathemen, die Kinder hier nicht erklärt bekommen, sondern spielend entdecken.
„Insgesamt ist dieses Gebäude von hoher Angemessenheit und Funktionalität und ein ausgezeichnetes Beispiel für eine Architektur, die auf umweltpsychologischen Werten basiert.“
Jury, BDA-Preis Brandenburg 2024