Verwandlung einer DDR-Typenbauschule
Wie eine aus der Zeit gefallene DDR-Typenbauschule vor dem Abriss bewahrt, erweitert und neu gedacht wird – und ein Beton-Fisch dabei überraschend eine Hauptrolle übernimmt.
Der Typenbau von 1984 war in die Jahre gekommen – die Schule platzte aus allen Nähten, Räume für Mittagsversorgung und Nachmittagsbetreuung fehlten, das Potenzial des umliegenden Platzes blieb ungenutzt.
Die Stadt Strausberg entschied sich bewusst für einen klimapositiven Weg: Erhalten statt abreißen, erweitern statt neu bauen. Unser Konzept überzeugte die Jury des ausgelobten Wettbewerbs und wurde mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Damit begann eine spannende Transformationsreise.
Für eine klare Struktur gliederten wir das Areal in drei Bereiche: das „Steinerne Plateau“ mit Quartiersplatz, Bürgerzentrum, Grundschule und Hort, das „Grünband“ mit Bewegungs- und Freizeitflächen sowie das „Sportband“ mit der Ein-Feld-Sporthalle. Der neue, großzügige Eingangsbereich der Grundschule orientiert sich zum Quartiersplatz hin und stärkt dessen öffentliche Wirkung.
Die bestehende H-Form des DDR-Typenbaus – ein klassischer Typ Erfurt, auch „Schustertyp“ genannt – griffen wir auf und entwickelten sie konsequent weiter: Durch Entkernung, Umbau und einen ergänzenden Neubauriegel entstand aus dem alten H eine neue L-Form, die den Bestand weiterdenkt. Das Gebäude wurde ressourcenschonend in Holzbauweise aufgestockt, die Fenster vergrößert und die engen Flure zu großzügigen Clustern geöffnet. Entstanden sind moderne Lernlandschaften, die zeitgemäße Pädagogik möglich machen.
„Die alte Struktur wird aufgebrochen und verwandelt: Dunkle, lange Flure werden zu hellen, freien Lernorten, Sitzinseln laden zum Lesen, Ruhen und Austauschen ein.“
Jury, BDA-Preis Brandenburg 2024
„Überall im Schulgebäude begegnen uns Fische, nur Kopf und Schwanz. Sie sind Überbleibsel des Altbaus, Betonformsteine, früher ein spröder Dekorversuch im Typenschulbau, heute Maskottchen“
Jury, BDA-Preis Brandenburg 2024
Ein besonderes, erhaltenswertes Element waren die dekorativen Betonreliefs der Bestandsfassade – ikonische Relikte ihrer Zeit – die mit Fantasie an stilisierte Fische erinnern. Wir haben sie behutsam demontiert, gereinigt und einige im Foyer als hinterleuchtetes Wandrelief neu inszeniert.
Der Fisch zieht sich als Leitmotiv durch das gesamte Gebäude: in unterschiedlichen Größen, Farben und Materialien taucht er an Wänden, Fenstern und in der Signaletik auf – und trägt so die Geschichte des Hauses in seine Zukunft.
Eine weiße, gefaltete Aluminiumfassade auf bronzefarbenem Sockel prägt das äußere Erscheinungsbild. Lange Fensterbänder im Wechsel mit einzelnen, teils raumhohen Glasfeldern in den Verbindern nehmen dem Gebäude die geometrische Strenge. Das parallel angeordnete Hortgebäude fasst einen geschützten Schulhof und bietet viel Platz zum Fangenspielen in den Pausen.
Der Hortneubau nimmt verschiedene Gruppenräume, einen Bewegungsraum und eine Terrasse im Obergeschoss auf. Das neue, doppelgeschossige Foyer mit breiter Sitztreppe und Galerie erschließt alle Bereiche barrierefrei und verleiht dem Gebäude eine Großzügigkeit, die man von außen kaum vermutet.
„Die Mensa mit Faltwand und mobiler Bühne, Lehrküche, Werk- und Kunstraum sowie Fachräume für Naturwissenschaften machen die Schule zu einem vielseitigen Lernort.“
„Durchdachte Garderobenbereiche schaffen den Übergang vom Draußen ins Drinnen.“
Robuste Parkettböden, Holzlamellendecken und Einbaumöbel aus Massivholz schaffen eine ruhige, freundliche Atmosphäre – ergänzt durch farbige Schichtstoffe, Sitzinseln und Pinnwände. Die Farbwelt bleibt bewusst zurückhaltend: Weiß und Kieselgrau bilden den Grundton, Violett-Akzente setzen gezielte Orientierungspunkte und leiten durch das Gebäude. Die Beleuchtung fügt sich meist bündig in die Deckenkonstruktion ein – an ausgewählten Stellen wird sie zum gestalterischen Element, etwa im Foyer und dort, wo die hinterleuchteten Fischreliefs in Szene gesetzt sind.
„Die Grundschule Am Annatal ist ein schöner und zukunftsfähiger Ort, der viel Raum bietet für Lernen und Miteinander. Er ist aber auch ein wichtiges Scharnier für die Zukunft des Quartiers und seine neue nachbarschaftliche Längsachse.“
Jury, BDA-Preis Brandenburg 2024
Ein Kapitel dieser Transformationsgeschichte ist noch offen: Das im Wettbewerb vorgesehene Bürgerzentrum wartet noch auf seine Realisierung – die Gemeinde hält an der Vision fest.